Das Geheimnis von Harbke – Operation Grenzkohle

Der Ort Harbke liegt im Westen von Sachsen-Anhalt, direkt an der Landesgrenze zu Niedersachsen, knapp 4 km von Helmstedt und ca. 50 km westlich von der Landeshauptstadt Magdeburg entfernt.

Der geheime Postrath Schottelius gibt bekannt…(*)

Diese Nähe zu Helmstedt führte 1879 (Vf. 13 vom 28.2.1879) zu der Einrichtung einer Postagentur in Harbke und einer Botenpost nach Harbke und zurück nach Helmstedt. Dieses erfolgte aus pragmatischer Sicht, ungeachtet von Kreis- oder Gemeindegrenzen.

R-Zettel Harbke, R – rechtsstehend, 4. April 1891, (*)

Poststempel Harbke b. Helmstedt vom 8. Oktober 1912

R-Brief von Harbke über Helmstedt nach Berlin-Neukölln, Poststempel vom 22. März 1935, R-Zettel Harbke Helmstedt Land.

R-Zettel vom obigen Beleg

Zum Kriegsende 1945 trennte die Demarkationslinie die Poststellen I Beendorf und Harbke, sowie der Poststellen II Bartensleben (Ort und Gut), Döhren und Morsleben von der Helmstedter Postversorgung ab.

Solche Veränderungen in der Postorganisation hat es an vielen Stellen in Deutschland durch die Schaffung von Besatzungszonen, insbesondere der sowjetischen und der amerikanischen oder britischen Zone, gegeben.

Die Demarkationslinie verlief zwischen der britischen und sowjetischen Besatzungszone weitgehend entsprechend den historischen Grenzen zwischen den ehemaligen Ländern Braunschweig und Preußen.

Aber in Harbke gab es eine wirtschaftliche Besonderheit, für die politische Dogmen über Bord geworfen wurden.

Durch die Braunschweigische Kohlen-Bergwerke AG (BKB), Helmstedt, erfolgte die Braunkohle-Förderung durch den Abbau in den umliegenden Tagebauen. Eines der ersten Kraftwerke Europas wird 1909 in Harbke erbaut. Und bis 1945 läuft der Betrieb auch reibungslos. Doch nach Ende des zweiten Weltkrieges ändert sich dieses schlagartig.

Im Zuge der exakten Grenzziehung zwischen den Besatzungszonen gab es beim Amt Neuhaus, im Harz und auch zu Harbke zu Gesprächen zwischen den Briten und den Russen:

Der Vorschlag die Stadt Harbke zur Britischen Zone zu nehmen wurde fallen gelassen, als die Russen zustimmten, den notwendigen Strom aus dem Kraftwerk zu liefern. Ein Anteil von 75% der Produktion sollte der Britischen Zone überlassen werden. Die Britische Luftwaffe war mit ihren wachsenden Luftfahrt-Forschungsverpflichtungen am Stützpunkt Göttingen auf diese Energieversorgung angewiesen.

Direkt durch das Betriebsgelände verläuft jetzt die Grenze zwischen Ost und West, zwischen britischer und sowjetischer Besatzungszone. Es ist zugleich der Beginn einer einzigartigen Geschichte im kalten Krieg.

1946 wurde zwischen den Oberbefehlshabern Wassili Sokolowski (UdSSR) und Brian H. Robertson (Großbritannien) für den Weiterbetrieb des Kraftwerkes Harbke und dem grenzüberschreitenden Braunkohle Abbau eine Vereinbarung geschlossen. Dadurch bestand hier die Grenze nur auf dem Papier und die Mitarbeiter der BKB durften die Grenze überschreiten. Denn sowohl die Sowjets als auch die Briten brauchten das Kraftwerk in Harbke, weil es als eines der wenigen war, dass von Kriegsschäden verschont wurde und die Stromversorgung auf beiden Seiten der Grenzen garantiere. Auf der später niedersächsischen Seite gab es die Hauptverwaltung, die Brikettwerke, das Schwelwerk und kleinere Kraftwerke. Das Kraftwerk Harbke und die Brikettfabrik Bismarck lagen auf der östlichen Seite.

R-Brief von Harbke über Helmstedt 1947 nach Berlin-Britz

Interessant ist der Ort des Absenders: Alversdorf, Krs. Helmstedt, BKB Lager 50/12, Alversdorf wurde 1974 selbst für den Tagebau aufgegeben.

R-Zettel vom obigen Beleg, Blanko R-Zettel mit handschriftlichem Eintrag Harbke und vorgedrucktem Numerator.

Quer durch den Tagebau pendelten täglich hunderte Menschen zur Arbeit über die Grenze. Kohlekumpel aus Harbke und Helmstedt (und der jeweiligen Umgebung), die in der einen Zone lebten und in der anderen Zone arbeiteten. Im grenzüberschreitenden Tagebau Viktoria war die Flucht über den nicht bewachten Tagebau möglich. Die Bergleute auf beiden Seiten wurden in West-Mark bezahlt, denn sie hatten Arbeitsverträge mit der BKB in Helmstedt.

Poststempel Harbke über Helmstedt vom 11. März 1948

Im Jahr 1947 wurde mit 7.639 Beschäftigten die höchste Mitarbeiterzahl der Unternehmensgeschichte erreicht. Allerdings ergab sich gleichzeitig eine schwierige Situation für die BKB durch die direkte Lage ihrer Betriebe auf der innerdeutschen Grenze nach dem Zweiten Weltkrieg.

Auch die Gründung beider deutschen Staaten 1949 führte zu keiner Veränderung der Situation zwischen Harbke und Helmstedt im Tagebau.

Am 26. Mai 1952 ändert sich die Lage dramatisch. Ohne Vorahnung besetzen in den frühen Morgenstunden Einheiten der Volkspolizei der DDR den östlichen Teil des Tagebaus zwischen Harbke und Helmstedt. Innerhalb weniger Minuten standen die Geräte auf beiden Seiten still. Die Braunkohleförderung kam zum Erliegen.

1400 Bergleute aus Harbke und 400 Bergleute aus Helmstedt verloren über Nacht ihre Arbeit, weil sie nicht mehr über die Grenze zur Arbeit kamen.

Dem Unternehmen BKB gingen durch die Grenzschließung alle Anlagen auf ehemals preußischem Gebiet (Tagebau Wulfersdorf, Teile des Tagebaus Victoria, die Brikettfabrik Bismarck und das Kraftwerk Harbke) verloren. Außerdem gehen der BKB 62 % der gewinnbaren Kohle verloren.

Das Kraftwerk Harbke wurde zum Volkseigentum erklärt (VEB Braunkohlewerk).

In den Folgejahren mussten diese Defizite durch einen eigenen Kraftwerksbau auf westdeutscher Seite ersetzt werden. 1954 fing man auf beiden Seiten wieder an Kohle zu fördern und Strom (Kraftwerk Offleben im Westen) zu produzieren.

R-Brief der Deutschen Post der DDR von Harbke nach Stendal (Absatzkontor), Poststempel vom 28. März 1956. Blanko R-Zettel mit Stempel Harbke über Oschersleben (Bode). Oschersleben (Bode) entspricht der damaligen Kreisbezeichnung. (*)

R-Zettel vom obigen Beleg mit fünfstelligem Numerator 00307 (*)

1956 kam es zu einer ersten Annäherung. Die Betriebsleiter von Ost und West tauschten DDR- und BRD-Territorien aus (37 Hektar Kippen Fläche Ost gegen 13 Hektar Kippen Fläche West), um bergbautechnisch sinnvoll arbeiten zu können.

Mit dem Bau der Mauer 1961 kommen die Aktivitäten zum Erliegen.

Poststempel Harbke (Kr Oschersleben) vom 30. Juni 1967, ohne Angabe der Postleitzahl

Stempel des ZKD (Zentraler Kurierdienst) vom VEB (Volkseigener Betrieb) Braunkohlewerk 3222 Harbke.

Stempel des ZKD (Zentraler Kurierdienst), VEB Energieversorgung Magdeburg, Kraftwerk Phillipp Müller, 3222 Harbke (*)

(Philipp Müller wurde am 11. Mai 1952 in Essen erschossen. In der DDR wurde das Andenken an ihn insbesondere zur Propaganda genutzt.)

Der ZKD war ein von der Deutschen Post der DDR durchgeführter Postdienst des DDR-Innenministeriums.

Blick über die Zonengrenze von West nach Ost zum Kraftwerk Harbke.

Am 19. Mai 1976 kam es zur Vertragsunterzeichnung „Grenzpfeiler Braunkohle Helmstedt/Harbke“ in Ostberlin. Wieder setzen sich wirtschaftliche Interessen über politischen Überlegungen (Grenze) durch.

Beide Seiten dürfen wieder grenzüberschreitend arbeiten, denn nur so war in dieser Region Braunkohle wirtschaftlich zu fördern. Beide Seiten überließen dafür der anderen Seite Flächen zur zeitweiligen Nutzung im Tausch („Dem Tagebau Helmstedt zur Nutzung zeitweilig überlassenes Territorium der DDR und dem Tagebau Wulfersdorf zur Nutzung überlassenes Territorium der BRD, jeweils Stand 1. Abbauphase“).

Die Abbaugebiete wurden waffenfrei. Zwei Kilometer Grenze mussten geräumt werden. Die Minenräumungen erwiesen sich wegen der bisherigen Bodenbewegungen als schwierig.
Der bisherige Todesstreifen wurde durch einen Maschendraht ersetzt und für Besprechungen zwischen Ost und West gab es ein Gartentürchen im Maschendrahtzaun.

Weil Harbke dieses Grenzgeheimnis barg, verschwand gleich der ganze Ort von jeder Landkarte der DDR. Weder Straßenschilder noch Wegweiser führten in das Dorf an der offenen Grenze. Harbke wurde von der Außenwelt hermetisch abgeschirmt.

Ausschnitt Briefkopf, Rundstedter Str. 10 a in Harbke

Hauptarbeitgeber im Filialbetrieb Harbke war das Braunkohle-Kraftwerk VEB Kombinat Gustav Sobottka aus Röblingen.

R-Zettel 3222 Harbke, ca. 1982, Numerator dreistellig

R-Zettel 3222 Harbke, Numerator vierstellig

Bis 1986 arbeiteten hier ost- und westdeutsche Bergleute grenzüberschreitend in einem Braunkohle Tagebau zusammen.

Selbst die Grenztruppen der DDR hatten im Tagebau keinen Zutritt.

Am 26. September 1986 fuhr der letzte Zug zum Kraftwerk.

Am 22. Dezember 1989 wurde der Grenzübergang von Helmstedt nach Harbke geöffnet.

Poststempel 3222 Harbke vom 6. Dezember 1990, Kreisstempel mit Stegsegment unten

Kreisstempel mit Stegsegment oben, 6 Wellenlinien senkrecht, Datum 2. Juli 1993 und Uhrzeit 9 Uhr, Verwendung ab 1. Juli 1993.

Mit der Einführung der fünfstelligen Postleitzahl 1993 hieß in Harbke die neue Postleitzahl 39365.

Im Juni 1994 wurden die Schornsteine vom Kraftwerk Harbke gesprengt. Das Ende der Braunkohlen Industrie in Harbke war besiegelt.

Historischen Entwicklung des Braunkohleabbaugebiets direkt an der ehemaligen innerdeutschen Grenze zwischen Helmstedt und Harbke (Quelle: Fa. post-mining & brownfields consulting, siehe unten)

Seit 2004 wird der ehemalige Tagebau saniert und durch Grundwasser geflutet. Der Lappwaldsee überdeckt den ehemaligen Grenzverlauf und die Spuren der außergewöhnlichen deutsch-deutschen Geschichte. (Foto von 2016) 2031 soll der See sein geplantes Ausmaß erreicht haben.

Harbke erlebt durch Gebietsreformen wechselnde Zugehörigkeiten oder Namensänderungen bei der Landkreis Zuordnung. Seit 2007 lautet die Bezeichnung Landkreis Börde, die Kreisstadt ist Haldensleben. Harbke ist Mitgliedgemeinde der Verbandgemeinde Obere Aller in Sachsen-Anhalt. Harbke hat ca. 1.800 Einwohner.

Nur etwa fünf Kilometer von Harbke entfernt lag der Grenzübergang Helmstedt-Marienborn. Dieser war der größte und bedeutendste Grenzübergang an der innerdeutschen Grenze während der deutschen Teilung und bestand zwischen 1945 und 1990.

Quellen:

  • Braunschweiger Postgeschichtliche Blätter, Gesellschaft für deutsche Postgeschichte e.V., Bezirksgruppe Braunschweig Heft 9/10 Dezember 1968
  • Die Braunschweigische Kohlen-Bergwerke AG, Werner Vogt, Andrea Dreifke-Pieper, 1999, Econ Verlag, München
  • Grenzkohle, Christiane String, Zeitschrift Horch und Guck, Heft 2/2009, Heruntergewirtschaftet, Seiten 36 bis 39
  • Heringsbahn, Achim Walther und Joachim Bittner, Die innerdeutsche Grenze bei Hötensleben, Offleben und Schöningen, 2011, Mitteldeutscher Verlag, Halle
  • Das Geheimnis von Harbke, Operation Grenzkohle, TV-Bericht, Mitteldeutscher Rundfunk MDR, 9.4.2019
  • Vielen Dank für die freundliche Unterstützung an Herrn Andreas Kadler, Berlin, post-mining & brownfields consulting, www.post-mining.de
  • Vielen Dank an Klaus Hirschfeld, Haldensleben für die freundlicher Überlassung (*) von R-Zetteln, Abbildungen und Belegen zur Bereicherung dieses Artikels. Toll!
  • Vielen Dank an Dr. Thomas Schmidt, Haldensleben, für die Zusammenstellung der Poststempel von Harbke und der Genehmigung zur Abbildung.

Wie kam der Name „Hermann Göring“ auf einen Einschreibzettel?

Hermann Göring Stadt, eine kurze Phase in der Geschichte.

Die Vorgeschichte zur Gründung der Stadt Salzgitter:

Die Geschichte der heutigen jungen Stadt Salzgitter begann als Ansammlung von landwirtschaftlich geprägten Dörfern, die über verschiedene Landkreise verteilt waren.

Für die Kriegsvorbereitung zum II. Weltkrieg wurden Erze und Stahl gebraucht. Um Abhängigkeiten und mögliche Lieferstops von ausländischen Importen aus dem Wege zu gehen, wurde nach inländischen Erzvorkommen gesucht.

Im Raum Salzgitter gab es Erzvorkommen, das aber eisenarm und nicht wirklich wirtschaftlich verwertbar war.

Durch die Weigerung der privaten Montankonzerne aus dem Ruhrgebiet und dem oberschlesischen Industriegebiet im Raum Salzgitter unwirtschaftlich Erz abzubauen und zu verhütten, kam es zur Gründung der Reichswerke.

Am 7. November 1937 wurde der Standort für die geplanten Reichswerke im Salzgitter Gebiet festgelegt.

Gründung der Werke mit dem Namen Hermann-Göring-Werke, benannt nach dem vom Führer eingesetzten Generalfeldmarschall Göring.

In allen Planungen seit 1938 wurde die geplante Gesamtstadt stehts als Hermann-Göring-Stadt bezeichnet. Göring selbst hatte Ende 1941 seine Zustimmung erteilt.

Die neu geplante Stadt lag auf den Grenzen der Länder Braunschweig und Preußen. Um eine einheitliche Verwaltungsstruktur (Genehmigungsverfahren) zu schaffen wurde mit dem sogenannten „Salzgitter-Gesetz“ Gebietsbereinigungen zum 1.8.1941 verordnet.

Die Reichswerke und der Ministerpräsident des Freistaates Braunschweig, Dietrich Klagges, baten das Reichsinnenministerium um Zustimmung zu diesem Namen, auch weil die Deutsche Reichspost (!) diesen bereits seit einiger Zeit gebrauchte.

Der NSDAP-Kreisleiter des Aufbaugebietes, Heinz Deinert, schlug jedoch beim Gauleiter Lauterbacher den Namen „Stadt der Reichswerke Hermann Göring“ vor.

Am 11. März 1942 lehnte Hitler jedoch beide Namen für die Dauer des Krieges ab.

Verschiedene andere Benennungsformen wurden besprochen und verworfen: „Eisenstadt“ und „Salzgitter“.

Am 19. März 1942 schlug die Braunschweiger Regierung den Doppelnamen „Watenstedt-Salzgitter“ vor.

Nachdem die Reichspost und die Reichsbahn diesem Vorschlag zugestimmt hatten, reichte die Braunschweiger Regierung diese Bezeichnung am 20. März 1942 telefonisch dem bereits abgesandten Stadtgründungsantrag an den Reichsstatthalter Braunschweig/Anhalt in Dessau, Rudolf Jordan, nach.

Am 31. März 1942 fällte Jordan die Entscheidung zum 1. April 1942 die Stadt Watenstedt-Salzgitter zu bilden.

Nach der schriftlichen Entscheidung und der Veröffentlichung am 18. April 1942 wurde Watenstedt-Salzgitter zum 27. April 1942 eine kreisfreie Stadt.

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R-Brief Hermann-Göring-Stadt (Braunschw) nach Hannover, Stempel 25.4.1942

R-Zettel vom obigen Beleg

Poststempel vom obigen Beleg Hermann-Göring-Stadt (BSWG) 25.4.42 -18 Kennbuchstabe „c“

R-Brief Hermann-Göring-Stadt (Braunschw) nach Hannover, Stempel 9.5.1942, Blanko R-Zettel mit blauem Stempel

R-Zettel vom obigen Beleg

Poststempel vom obigen Beleg, Hermann-Göring-Stadt (BSWG) 09.5.42 -13 Buchstabe „c“

Einzelner Blanko R-Zettel mit schwarzem Stempel

R-Briefe mit R-Zetteln und dem beschriebenen Zusatz sind belegt vom 5.12.41, 8.2.42, 25.4.42 und vom 9.5.42.

Ein weitere Poststempel Hermann-Göring-Stadt (BSWG) vom 04.10.41-13 mit dem Kennbuchstaben „a“ liegt als Kopie vor.

Ein Poststellen-II-Stempel von Burgdorf über Herrmann-Göring-Stadt (Braunschw) belegt 1942 die Aktivitäten der Deutsches Reichspost im vorauseilendem Gehorsam.

Weitere Poststellen-II-Stempel sind bekannt, z.B. Osterlinde über Hermann-Göring-Stadt (Braunschw.), verwendet im Juni 1941.

Poststempel aus Lichtenberg über Hermann-Göring-Stadt (Bswg) vom 1.7.1942.

Die Zusätze (Braunschw. + BSWG) auf R-Zettel und Poststellen-II-Stempel beziehen sich nicht auf die Nähe zur Stadt Braunschweig, sondern auf das Land Braunschweig.

Für den Aufbau der Retortenstadt und dem Hüttenwerk kamen vielen Menschen neu in die Region. Die Arbeiter (Fremdarbeiter, Zwangsarbeiter, später auch Kriegsgefangene) wohnten in Baracken und Notunterkünften. In der Realität waren in Unterkünfte wohl eher Behausungen…

Karte Hermann-Göring-Stadt

In den Ortsverzeichnissen der Jahre 1938 bis 1942 gibt es keinen Eintrag zu Hermann Göring Stadt, aber einen Eintrag zu Hermann-Göring-Koog über Garding (heute: Tümlauer-Koog, liegt im Westen der Halbinsel Eiderstedt in Schleswig-Holstein).

Und in Pirna, südöstlich von Dresden in Sachsen gelegen, gab es eine Mustersiedlung „Hermann Göring“. Dieses Vorzeigeprojekt des Pirnaer Wohnungsbaus zur Nazizeit wird in Artikeln auch als „Hermann Göring Stadt“ bezeichnet.

Der Stadtname „Watenstedt-Salzgitter“ wurde mit Wirkung 24. Januar 1951 in „Salzgitter“ geändert.

Ein Blick in das Archiv vermittelt die Einwohnerzahlen der heutigen 31 Stadtteile im Jahre 1905:

Bad 2.837
Barum 811
Beinum 406
Beddingen 612
Bleckenstedt 491
Bruchmachtersen 266
Calbrecht159
Drütte 233
Engelnstedt 398
Engerode 136
Flachstöckheim 333
Gebhardshagen 1.064
Gitter 564
Groß Mahner 602
Hallendorf 295
Heerte 497
Hohenrode 118
Immendorf 491
Lebenstedt 590
Lesse 1.127
Lichtenberg 1.009
Lobmachtersen 668
Ohlendorf 539
Osterlinde 355
Reppner 325
Ringelheim 1.467
Salder 1.041
Sauingen 313
Theide 2.568
Üfingen 556
Watenstedt 371

Die Motivation für diesen Artikel bezog sich auf einen kleinen Ausschnitt der Postgeschichte. Aufgabe war ausdrücklich nicht die Auseinandersetzung mit Kriegsverbrechern, dem II. Weltkrieg oder den Nationalsozialisten. Weiterführende Informationen zu den erwähnten Namen finden sie in allen bekannten Nachschlageverzeichnissen.

Und bitte beachten Sie §86 und §86a Strafgesetzbuch. Sie versichern die Abbildungen aus der Zeit des III. Reiches nur zu Zwecken der staatsbürgerlichen Aufklärung, der Abwehr verfassungswidriger Bestrebungen, der Kunst oder der Wissenschaft, der Forschung oder der Lehre, der Berichterstattung über Vorgänge des Zeitgeschehens oder der Geschichte oder ähnlichen Zwecken zu lesen oder weiter zu verarbeiten.

Bitte respektieren Sie diese Aufforderung!

Quellen:

  • Salzgitter, Geschichte und Gegenwart einer deutschen Stadt 1942-1992, Wolfgang Benz, 1992
  • Salzgitter, die erstaunliche Geschichte einer jungen Stadt, Alfred Meschenmoser, 1995
  • https://www.salzgitter.de/kultur/stadtgeschichte/stadtarchiv.php
  • Ortsverzeichnis I, Verzeichnis der Pöstämter und -amtsstellen sowie der Bahnhöfe der Eisenbahnen, der Schiffsanlegeplätze und Flughäfen im Deutschen Reich 1938, 1939, 1940 und 1942
  • Salzgitter ´98, Briefmarkenausstellung April 1998, Katalog, Hans Günter Pabst, Alte Ansichtskarten aus Salzgitter
  • Salzgitter Jahrbuch 2018, Planung und Bau der Infrastruktur in der neuen Stadt, Klau Gossow
  • Video: „Salzgitter – Zeitreise durch die Stadt bis zum Jahr 2012“, auszugsweise, auf YouTube, abgerufen 8.9.2020
  • Sächische.de, Bomben auf die Mustersiedlung, 11.4.2017

Hessen (Braunschweig)

Eine Gemeinde mit einem speziellen Namen. Welcher Ort hat schon den Namen eines Bundeslandes?

Die nachfolgenden R-Zettel weisen mit ihren zusätzlichen Bezeichnungen auf das Dilemma hin, den Ort richtig zu verorten.

Wie kommt ein Ort aus der ehemaligen DDR, im heutigen Bundesland Sachsen-Anhalt gelegen, in einen Blog zum Thema Niedersachsen?

R-Zettel Hessen (Braunschweig), ca. 1914, allseitige Linienzähnung, R-Zettel Typ 2195 der Hessisch-Braunschweigisch-Württembergische Gruppe der OPD Braunschweig

R-Zettel Hessen (Braunschweig), R-Zettel Typ 3, schmaler Rand, der Einheitsausgabe der Deutschen Reichspost.

Braunschweig als Stadt liegt ca. 40 Kilometer vom Ort Hessen entfernt. Hier deutet der Zusatz auf den Freistaat hin.

Hessen gehörte bis zum 1. August 1941 zum Freistaat Braunschweig.

Durch das „Salzgitter-Gesetz“ wurde die Orte Hessen und Pabstorf 1941 gegen drei andere Orte im Zuge einer Gebietsbereinigung getauscht, um für die Stahlwerke Salzgitter ein wirtschaftlich interessantes Gebiet zu schaffen.

R-Brief Hessen über Börßum 15.3.1944 nach 5b Osterode in Ostpreußen. Briefmarken mit Michel Nummern 848 und 860/1, Geburtstag und Goldschmiedekunst.

Börßum liegt ca. 20 km von Hessen im Landkreis Wolfenbüttel liegend entfernt.

R-Zettel vom obigen Beleg, R-Zettel Typ 3, dicker Rahmen, der Einheitsausgabe der Deutschen Reichspost.

R-Zettel Hessen über Heudeber (Nordharz) mit Postleitgebietszahl 19 im Kreis. Ab 1944 wurden diese Leitgebietszahlen vom Paketdienst im Briefdienst übernommen. R-Zettel Typ der dritten Einheitsausgabe.

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Kartenausschnitt – Gebiet der Oberpostdirektion Braunschweig 1874, Hessen liegt östlich von Hornburg, nur ca. 15 km voneinander entfernt, beide Orte später in Grenznähe.

Der zum Landkreis Wernigerode gehörende Ort Hornburg wurde am 1. August 1941 gegen die braunschweigischen Orte Hessen mit Hessendamm und Pabstorf ausgetauscht. Postalisch fand der Austausch dieser Orte jedoch erst am 1. April 1944 zwischen den Reichspostdirektionen Braunschweig und Magdeburg statt.

Heudeber liegt ca. 15 km von Hessen im heutigen Landkreis Harz in Sachsen-Anhalt entfernt.

Zum Kriegsende 1945 besetzten erst die Amerikaner den Ort, anschließend die Briten. Ab 1. Juli 1945 gehörte Hessen zur sowjetischen Besatzungszone, entsprechend später zur DDR.

R-Zettel der Deutschen Post der DDR, Hessen über Heudeber (Nordharz), ab 1958 auf Pergaminpapier. Vierstelliger Numerator und alpha-numerisches Amtskennzeichen M 78 auf sogenanntem Rautenzettel.

Hessen lag nur ca. vier Kilometer von der innerdeutschen Grenze entfernt (heute Landesgrenze Niedersachsen/Sachsen-Anhalt). Die Nähe zur Grenze war für den Ort schwierig. In der der DDR-üblichen Sperrzone wurden Menschen zwangsweise ausgesiedelt.

Drei Tage nach dem Fall der Berliner Mauer wurde die Grenze zum benachbarten Mattierzoll, Landkreis Wolfenbüttel, geöffnet.

Am 31.12.1990 berichtete die Magdeburger Allgemeine Zeitung über Gedanken zu einem Wechsel von Sachsen-Anhalt nach Niedersachsen. Dieser Wunsch war wohl nicht mehrheitsfähig.

R-Zettel 3605 Hessen. Die Postleitzahl 3605 der Deutschen Post der DDR wurde auch nach dem Tag der deutschen Einheit im Oktober 1990 weiterverwendet.

Poststempel Hessen 3605 vom 14. Januar 1991 vom Einlieferungsbeleg des obigen Einschreibens. Erst 1993 wurden die bundesweiten fünfstelligen Postleitzahlen eingeführt.

Die Postleitzahl 3605 der Deutschen Post der DDR in einer Produktion der Zettel der Deutschen Bundespost.

Die Postleitzahl 3605 war in Gesamtdeutschland nur einmal vergeben.

Das Land Braunschweig wurde 1946 Teil des neuen Bundeslandes Niedersachsen.

Hessen hat mit Niedersachsen nichts zu tun. Aber ein Einschreibezettel mit dem Zusatz Braunschweig gehört in die Sammlung Niedersachsen. Und ein Blick über die Landesgrenzen hinweg kann nicht schaden.

Hessen (ca. 1.300 Einwohner) gehört seit dem 1. Januar 2010 zur Stadt Osterwieck in Sachsen-Anhalt. 38835 lautet die aktuelle Postleitzahl.

Hessen und Calvörde, beide in Sachsen-Anhalt, beide früher zum Freistaat Braunschweig gehörend, verbindet die Lebensweise der damaligen Fürsten. In beiden Orten stand früher ein Schloß, das für die Geschichte der Orte von Bedeutung war.

Informationen zu Calvörde, einem weiteren Ort im Freistaat Braunschweig, finden Sie hier.

Quelle:

  • Katalog der Deutschen und verwandten R- und + V-Zettelformen, Herausgegeben von der Westdeutschen Arbeitsgemeinschaft R-Zettel und R-Stempel, 2. Auflage Oktober 1966, umgangssprachlich Overmann-Katalog.
  • 100 Jahre Oberpostdirektion Braunschweig 1868-1968

Calvörde

Das heutige Land Niedersachsen entstand nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Vereinigung des Landes Hannover mit den Freistaaten Braunschweig, Oldenburg und Schaumburg-Lippe.

Am 8. November 1946 wurde die Verordnung Nr. 55 der britischen Militärregierung erlassen, durch die rückwirkend zum 1. November 1946 das Land Niedersachsen gegründet wurde.

Auf dem abgebildeten R-Zettel wird die Zugehörigkeit von Calvörde zum Freistaat Braunschweig dokumentiert.

R-Zettel Calvörde (Braunschweig)

Calvörde ist heute eine Gemeinde im Landkreis Börde in Sachsen-Anhalt. Was hat also Calvörde mit Braunschweig (respektive mit Niedersachsen) zu tun? Ein Blick in die Geschichte erklärt die Verbindung zu Braunschweig. Und die Karte zeigt die Insellage von Calvörde um 1789 und der heutigen Bundeslandgrenze von Niedersachsen und Sachsen-Anhalt.

Im späten 13. Jahrhundert wurde die Burg Calvörde erstmals erwähnt. 1571 wurden Burg und Ort unter Herzog Julius von Braunschweig Teil des Fürstentums Braunschweig-Wolfenbüttel. Mit dem Wiener Kongress 1814/15 wurde Calvörde ein Teil des neugegründeten Herzogtum Braunschweig. Nach der Novemberrevolution 1918 gehört Calvörde zum Freistaat Braunschweig. Der Freistaat Braunschweig besteht 1931 aus zehn (!) isolierten Landstücken. Nach den Beschlüssen des 1. EAC-Zonenprotokolls aus dem Jahre 1944 und dem Potsdamer Abkommen gehörte die braunschweigische Exklave Calvörde zur Provinz Sachsen der Sowjetischen Besatzungszone.

Brief Postauftrag innerhalb des Ortes, Datum nicht lesbar

Rückseite des Beleges mit einem Stempel des Absenders: Braunschwg. Landessparkasse Zweigstelle Calvörde.

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Kartenausschnitt – Gebiet der Oberpostdirektion Braunschweig 1874, Calvörde´s Insellage

Am 1. Juli 1911 wurde das Postamt Calvörde (Exclave des Herzogstums Braunschweig) dem Bezirk der Oberpostdirektion Magdeburg zugeteilt.

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R-Zettel der Deutschen Post der DDR, Calvörde (Bz Magdeburg), fünfstelliger Numerator, C 35 ist Bezeichnung für diese Postformular

Calvörde hat heute ca. 1.800 Einwohner. Der Ort liegt ca. 60 km Luftlinie von der Stadt Braunschweig entfernt. Das aktuelle Wappen (und auch das Motiv der Vorjahre) von Calvörde zeigt weiter seinen Bezug zu Braunschweig:

Abbildung des Braunschweiger Löwen im Wappen (aus der Wappensammlung von Kaffee Hag)

Calvörde hat mit Niedersachsen nichts zu tun. Aber ein Einschreibezettel mit dem Zusatz Braunschweig gehört in die Sammlung Niedersachsen. Und ein Blick über die Landesgrenzen hinweg kann nicht schaden.

Calvörde Impressionen:

Ortsschild am 19. April 2018

Informationen zu Hessen, einem weiteren Ort im Freistaat Braunschweig, finden Sie hier.

Quellen:

  • Calvörde – Hans Gottfried Figge: Gebietsveränderungen im Bereich des ehemaligen Landes Braunschweig von 1918 bis 1972. In: Braunschweigisches Jahrbuch, Bd. 54 (1973), online (PDF), 25,8 MB, S. 249–257.
  • 100 Jahre Oberpostdirektion Braunschweig 1868-1968