Bei meiner Reise durch Niedersachsen bin ich erneut im Harz angekommen.
Sankt Andreasberg im Oberharz, abgekürzt St. Andreasberg. Der Ort liegt im Landkreis Goslar.
Geprägt durch jahrzehntelangen Bergbau wurde der Apostel Andreas als einer der traditionellen Schutzpatrone des Bergbaus Namensgeber des Ortes.
Meine postgeschichtliche Reise beginnt mit der Einführung der Einschreibzettel im Deutschen Reich ab 1875.
Bereits im Jahre 1874 wurde von der Deutsches Reichspost das Postgebäude eröffnet.

Das kaiserliche Postamt von St. Andreasberg. Früherer Schaltereingang von der Breiten Straße. Im Vordergrund das Kriegerdenkmal

Das ehemalige Postamt im August 2025, Herrenstr./Dr. Willi Bergmann Str.

R-Brief aus St. Andreasberg nach Zerbst, Anhalt. Poststempel mit damaliger Schreibweise Sanct-Andreasberg vom 14. Mai 1901. R-Zettel mit „R“ rechtsstehend. Der verwendete Briefumschlag zeigt eine eingedruckte indische Briefmarke

R-Zettel vom obigen Beleg, Einsatz dieser R-Zettel ab 1883
Der Poststempel im obigen Beleg mit der Schreibweise Sanct, statt dem heutigen Sankt, gibt ein kleines Rätsel auf.
Warum und wann wurde diese Schreibweise geändert?
Wann hat die Deutsche Reichspost die Schreibweise in ihren Unterlagen, Stempeln und R-Zetteln geändert?
Durch die Abkürzung „St.“ für Sankt ist der Unterschied nicht immer festzustellen.
Einen Hinweis gibt es durch die Orthografische Konferenz in Berlin 1901, auf der eine gemeinsame deutsche Rechtsschreibung aller deutschsprachigen Staaten auf Grundlage der preußischen Schulorthographie festgelegt wurde.

In einem Ausschnitt eines Wörterverzeichnisses „Regeln für die deutsche Rechtschreibung“ von Seite 46 wird das Wort Sankt in der neuen Schreibweise mit „k“ zwischen „sanguinisch“ und „St. Paulus“ aufgelistet

R-Zettel Sanct Andreasberg, gezähnt, aus einem Bogen getrennt

Ein Poststempel vom 28. Februar 1916 aus Sanct Andreasberg
Wann hat die Deutsche Reichspost bzw. die Deutsche Bundespost die Schreibweise Sanct letztmalig benutzt?
Sicher bis 1935 wurden Poststempel mit der Schreibweise Sanct benutzt. Danach wurde die Schreibweise mit St. und Sankt hin und her gewechselt. Bis 1962 mit St., von 1963 bis 1971 mit Sankt, ab 1972 folgte erneut die St. Variante, um ab 1980 wieder Sankt zu verwenden, usw.
Und die Schriftsetzer taten sich schwer. Bei der Interpunktion wird ein Punkt hinter St. verwendet, um Abkürzungen zu kennzeichnen. Mal wird er benutzt, mal nicht.

R-Zettel St. Andreasberg, Einheitsausgabe Deutsches Reich, breiter Rahmen

Ein Poststempel vom 10. Juli 1940 aus St Andreasberg

R-Brief aus Sanct Andreasberg nach Groß-Bieberau, Poststempel St Andreasberg 1946, Aufbrauch von einem früheren blanko Feldpost Einschreibzettel mit rechteckigem Innendienststempel

R-Zettel vom obigen Beleg
Die Einführung der Postleitgebietszahl, hier 20b, auf Briefen erfolgte ab 1944.

Blank0 R-Zettel mit Stempel Sanct Andreasberg, runder Kreis für Postleitgebietszahl
Diese blanko Einschreibzettel wurde von der Druckerei in den Jahren 1945 bis 1947 in Bögen an die Postämter geliefert. Vor Ort wurden die blanko R-Zettel mit dem Ortsnamen abgestempelt und mit einer Schere vom Bogen abgetrennt. Mehr Informationen zu diesem Typ finden Sie hier.
Ab 1946 wurden R-Zettel der ersten Ausgabe für die britische Besatzungszone in Bögen zu 20 Stück hergestellt.

St. Andreasberg, R-Zettel mit dickem grauem Papier und der Postleitgebietszahl 20b im Kreis. Am rechten Fuß vom Buchstaben „R“ ist der Typ 7223 zu erkennen

R-Zettel (20b) St. Andreasberg. Postleitgebietszahl in Klammern, statt im Kreis, gesetzt über der Ortsbezeichnung, R-Zettel Typ 7652, Einsatz ab 1950

Ab 1951 kamen diese R-Zettel mit 20b St. Andreasberg zum Einsatz. Typ 7244 auf dünnem weißem Papier mit Ortsnamen und Postleitgebietszahl im Kreis
Zu dem R-Zettel Typ 7244 finden Sie hier weitere Informationen.

ein ähnlicher R-Zettel aber hier auf durchsichtigem Pergaminpapier, Typ 7242
1956 lösten die Rautenausgaben mit Amtskennzeichen (AKZ) für die Bundesrepublik Deutschland die zweistelligen Postleitgebietszahlen ab. Mit Amtsblattverfügung 274/1956 galten die Amtskennzahlen am 30. Juli 1956 auch für die Rautenausgabe der Einschreibezettel.
Mit „16 C 3“ und „16 P V“ kamen in St. Andreasberg zwei verschiedene Amtskennzeichen zum Einsatz:

R-Zettel AKZ St. Andreasberg, 16 C 3, Ort ohne Worttrennung

R-Zettel AKZ St. Andreasberg, 16 C 3, Ort mit Worttrennung

R-Zettel AKZ St. Andreasberg, 16 P

R-Zettel AKZ Bergstadt Sankt Andreasberg, 16P, fetter Schrifttyp
Zum 1. Januar 1965 wurden in der Bundesrepublik Deutschland Postleitzahlen mit vier Ziffern eingeführt. In den 28 Jahren bis zur nächsten Veränderung wurden durch viele Nachbestellungen eine Vielzahl von Schriftarten und Schriftgrößen eingesetzt:

R-Zettel 3424 Bergstadt Sankt Andreasberg, schmaler Schrifttyp

R-Zettel 3424 Bergstadt Sankt Andreasberg, fetter Schrifttyp beim Numerator

R-Zettel 3424 St. Andreasberg, fetter Schrifttyp, die Bezeichnung Bergstadt ist weggefallen und Sankt wird wieder abgekürzt
Eine letzte Drucktypveränderung für die R-Zettel mit vierstelliger Postleitzahl von 3424 St. Andreasberg

R-Zettel 3424 St Andreasberg

R-Brief aus 3424 St Andreasberg, Unterscheidungsbuchstabe „a“ auf dem R-Zettel gestempelt, Poststempel Bergstadt Sankt Andreasberg vom 8. Juni 1985, nach Celle, Absendername gelöscht

Ausschnitt aus einer Bildpostkarte zur 500 Jahr Feier von Sankt Andreasberg. 1487 -1987, 3424 St. Andreasberg (im Oberharz, 600 -900 Meter über NN) Heilklimatischer Kurort und schneesicherer Wintersportplatz, ideales Wandergebiet, Superrutschbahn (550m Länge), Panorama-Hallenbad
Eine Reihe von Bildpostkarten und Maschinenstempeln mit Werbeklischees von und für St. Andreasberg sind bekannt.
Seit dem 1. Juli 1993 lautet die fünfstellige Postleitzahl von St. Andreasberg 37444:



Nassklebende R-Zettel mit und ohne Unterscheidungsbuchstabe und unterschiedlicher Trennung des Ortsnamens


Selbstklebende R-Zettel mit und ohne Unterscheidungsbuchstaben

Zum Jahresende 2024 wurde die Bäckerei Scheunemann mit der Postagentur in der Schützenstr. 64 geschlossen. Nur ein Briefkasten erinnert an den früheren Standort

Das obere Teil einer Quittung bestätigt die Lage der Postagentur in der der Schützenstr. 64 im Jahr 2024
Weiter ging es auf der gegenüberliegenden Straßenseite:

Die aktuelle Partnerfiliale der Deutschen Post AG in der Schützenstr. 45, seit dem 6. Januar 2025 im „Spritzenhaus“
Im Jahr 1990 waren in St. Andreasberg 2817 Einwohner gemeldet. Nur 1387 Personen waren es in 2025. Es überrascht daher nicht, dass die ehemalige kleinste selbständige Stadt in Niedersachsen bereits zum 1. November 2011 mit Braunlage fusionierte.

Ein Poststempel von 37444 St. Andreasberg vom 27. August 2025. Üblicherweise sollte im Stempel seit der in 2011 vollzogenen Fusion mit Braunlage „Braunlage“ statt „St Andreasberg“ im Stempel abgebildet sein
Die Posthilfsstellen (PHSt, früher auch Posthülfstellen) in Oderhaus, Odertaler Sägemühle, Sonnenberger Weghaus, Schuft und Silberhütte führten wegen des eingeschränkten Angebots einer PHSt keine eigenen Einschreibzettel.
In Niedersachsen gibt es nur vier Orte, die historisch durch Klöster oder Heilgenverehrung geprägt sind und ein „St.“ (Sankt) im Namen führen.
Außer St. Andreasberg sind das folgend Orte:
- St. Hülfe, Postleitzahl 2841, später 2840 Diepholz 3, ein Ortsteil der Kreisstadt Diepholz

R-Zettel 2841 St. Hülfe
- St. Jürgen, ein Ortsteil der Gemeinde Lilienthal, Landkreis Osterholz. (die Poststelle II verwendete 1931 einen Kastenstempel „Niederende St. Jürgen Lilienthal (Bz. Bremen) Land“).
- Neu St. Jürgen, Postleitzahl 2861, später 2862 Worpswede 4, ein Ortsteil von Worpswede, Landkreis Diepholz

s/w Kopie, R-Zettel 2861 Neu St. Jürgen, zweistelliger Numerator
Nachsatz:
Wie bereits bei anderen Beiträgen gibt es auch in St. Andreasberg Themen, die wegen ihrer Fülle nicht in diesem Blog zur Postgeschichte behandelt werden können.
Zur Geschichte von St. Andreasberg gehören der Bergbau, das UNESCO-Welterbe Grube Samson, die Kanarienvogelzucht, die Weltkriege, Rüstungsproduktion und ihre Folgen, eine Zahnradbahn, die derzeitige schwierige wirtschaftliche Situation des Ortes mit der Bevölkerungsentwicklung und auch die ARD-Krimireihe „Harter Brocken“.
Wer sich für diese Themen interessiert, kann sich außerhalb dieses Blogs auf Spurensuche begeben.
Offene Fragen:
- Bis wann wurde das (Kaiserliche) Postamt in der Herrenstr./Dr. Willi Bergmann Str. betrieben und wohin wechselte die Deutsche Post/Deutsche Bundespost (nach 1984) anschließend?
Quellen:
- Ein besonderer Dank geht an Herrn Jochen Klähn, Stadtheimatpfleger, aus St. Andreasberg für die Unterstützung und Bereitstellung von Abbildungen und Literatur
- Katalog der Deutschen und verwandten R- und + V-Zettelformen, Herausgegeben von der Westdeutschen Arbeitsgemeinschaft R-Zettel und R-Stempel, 2. Auflage Oktober 1966, umgangssprachlich Overmann-Katalog
- Goslarsche Zeitung, 30.Mai 1987, „Mehr als 200 Jahre Post in St. Andreasberg“
- Fotos vom Autor, August 2025
- www.stadtbuecher.de, abgerufen am 9.9.2025
- Regeln für die deutsche Rechtschreibung, Titelbild eines 1908 verlegten Wörterverzeichnis auf Basis der Orthographischen Konferenz von 1901:
